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Die Protein Leverage Hypothese: Essen wir solange, bis der Proteinbedarf gedeckt ist?

Die Protein Leverage Hypothese: Essen wir solange, bis der Proteinbedarf gedeckt ist?

Erst vor kurzem haben über die Epidemie des Übergewichts und ihre Ursachen gesprochen bzw. uns angesehen, was sich in den letzten Jahrzehnten getan/verändert hat, um die steigende Leibesfülle innerhalb der Bevölkerung zu erklären.

Offensichtlich ist, dass der Gewichtsanstieg und Fettaufbau mit einem (verstärkten) Ungleichgewicht der Energiebilanz zusammenhängt, da Energiereserven nur dann gebildet werden können, wenn ein dauerhafter – d.h. chronischer - Kalorienüberschuss vorliegt. Und da wir uns nicht unwesentlich weniger bewegen, als früher, bleibt nur ein Schluss übrig: Wir essen mehr. Und mit „mehr essen“ meine ich nicht unbedingt, dass volumenmäßig stärker reinhauen, sondern hauptsächlich, dass wir Lebensmittel und Mahlzeiten verzehren, die eine höhere Kaloriendichte aufweisen. Wir essen heutzutage also mehr Kilokalorien, als früher.

Nun mag die gestiegene Kalorienzufuhr die Ursache für den beobachteten Gewichtsanstieg sein, allerdings liefert uns dies keine Erklärung darüber, wieso wir einfach weiteressen, obwohl wir unseren täglichen Energiebedarf bereits gedeckt haben. In diesem Kontext gibt es mehrere Hypothesen, darunter zum Beispiel…

  • …die Food Reward“-Hypothese, die eine durchaus wissenschaftlich fundierte Antwort liefert (13)(14).
  • …die Carbohydrate-Insulin“-Hypothese, die wissenschaftlich betrachtet weitaus weniger haltbar ist (15).

In diesem Beitrag soll es jedoch um keine der beiden Hypothesen gehen. Vielmehr möchte ich eine dritte Erklärung diskutieren, die in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gefunden hat und die vermutlich auch in Zukunft stärker in unseren Fokus rücken wird. Natürlich geht es - wie es der Titel bereits vermuten lässt - um die „Protein Leverage“-Hypothese.

Bevor es jedoch ans Eingemachte geht, möchte ich zunächst noch einmal erläutern, was diese Hypothese denn überhaupt aussagt und was dazu geführt hat, dass man sie formuliert hat.

Die Protein Leverage Hypothese: Essen wir solange, bis der Proteinbedarf gedeckt ist?

Was besagt die Protein Leverage Hypothese?

Die Protein Leverage Hypothese („Protein-Hebel“) postuliert, dass die Veränderung des Verhältnisses von Protein zu Kohlenhydraten und Fetten eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Kalorienzufuhr (die sich bekanntlich in den letzten Dekaden erhöht hat (16)) und der Entstehung von Übergewicht spielt.

Oder um es in einfachen Worten auszudrücken: Die Hypothese besagt, dass wir solange essen, bis wir eine bestimmte Menge an Protein durch unsere Ernährung zugeführt haben bzw. bis der Proteinbedarf gedeckt ist. Und je nachdem, wie viel Protein in unserer Nahrung steckt, nehmen wir mehr oder weniger Kilokalorien auf. Das Protein „wirkt“ also wie ein Hebel auf die Kalorienzufuhr.

Betrachtet man die Ernährung der westlichen Bevölkerung über Jahre und Jahrzehnte hinweg, fällt auf, dass die Proteinzufuhr, im Vergleich zur aufgenommenen Menge an Fetten und Kohlenhydraten, relativ stabil geblieben ist. Aus diesem Grund (und weil Protein üblicherweise einen geringeren Anteil in der Ernährung spielt (~15%) (8) – es sei denn, man ist ein eiweißverschlingender Bodybuilder), spielte der Makronährstoff lange Zeit keine bedeutende Rolle, wenn es darum ging zu erklären, wieso wir immer dicker werden.

Tatsächlich könnte sich herausstellen, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt ist, als das. Die konstante Zufuhr von Protein könnte ein Schlüsselaspekt sein, der uns mehr darüber verrät, wieso wir mehr (Kilokalorien) essen, als früher.

Ein Beispiel: Die Vereinigten Staaten von Amerika werden gerne als die dickste Nation der Welt bezeichnet (was de facto nicht der Wahrheit entspricht, da es für den Platz einige Anwärter mehr gibt (17)). Schaut man sich jedoch die absolute Proteinzufuhr (in g/kg) der U.S. amerikanischen Bevölkerung zwischen den Jahren 1961 und 2000 an, stellt man fest, dass diese zwar durchaus stabil geblieben ist, während die relative Proteinzufuhr gesunken ist, nämlich von 14% auf 12,5% (8). Simultan hat sich der Verbrauch bzw. Konsum von Kohlenhydraten und Fetten jedoch erhöht.

Verzehr von Protein (P) Vs. Kohlenhydrate und Fette (C + F) in Kilojoule in den USA für die Jahre 1961, 1965, 1970, 1975, 1980, 1985, 1990, 1995 und 2000, geschätzt aus der FAOSTAT-Datenbank (18), daher eher repräsentativ für die Nährstoffversorgung, als eine direkte Messungen des Konsums/Verbrauchs. Die geschätzte Aufnahme von Kohlenhydraten und Fetten hat proportional um 50% mehr zugenommen, während die Protein-Aufnahme von 14% auf 12,5% gesunken ist.

Verzehr von Protein (P) Vs. Kohlenhydrate und Fette (C + F) in Kilojoule in den USA für die Jahre 1961, 1965, 1970, 1975, 1980, 1985, 1990, 1995 und 2000, geschätzt aus der FAOSTAT-Datenbank (18), daher eher repräsentativ für die Nährstoffversorgung, als eine direkte Messungen des Konsums/Verbrauchs. Die geschätzte Aufnahme von Kohlenhydraten und Fetten hat proportional um 50% mehr zugenommen, während die Protein-Aufnahme von 14% auf 12,5% gesunken ist. (Bildquelle: Simpson & Raubenheimer, 2015)

Demgegenüber demonstrierten Austin et al. (2011) in ihrer Untersuchung, dass der prozentuale Rückgang der Energiezufuhr durch Protein mit einem Anstieg der Kalorienzufuhr assoziiert ist. Auch hier wurden Daten aus den Vereinigten Staaten (Zeitraum: 1971-2006) herangezogen (2).

Vergleich der Makronährstoffzusammensetzung und der Gesamtenergieaufnahme von Männern und Frauen aus der ersten nationalen Gesundheits- und Ernährungsuntersuchungsstudie (NHANES I,1971-1975 & NHANES, 2005-2006) in Gruppen mit Normalgewicht (Normal Weight), Übergewicht (Overweight) und Adipositas (Obese).

Vergleich der Makronährstoffzusammensetzung und der Gesamtenergieaufnahme von Männern und Frauen aus der ersten nationalen Gesundheits- und Ernährungsuntersuchungsstudie (NHANES I,1971-1975 & NHANES, 2005-2006) in Gruppen mit Normalgewicht (Normal Weight), Übergewicht (Overweight) und Adipositas (Obese). (Bildquelle: Austin et al., 2011)

Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Untersuchungen nur um Beobachtungsstudien, so dass man keineswegs von einer Korrelation auf eine Kausalität schließen sollte. Diese Arbeiten liefern jedoch (...)


Dieser Artikel erschien in der 01/2020 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: depositphotos / dontcut


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