Kognitive Denkfehler in Kraftsport, Training & Ernährung I: Erkennen & Überwinden

Kognitive Denkfehler im Kraftsport & Training: Erkennen & Überwinden
 

Von Frank Taeger | Benötigte Lesezeit: 15 Minuten |


“The enemy is within the gates; it is with our own luxury, our own folly, our own criminality that we have to contend.” ― Marcus Tullius Cicero

Als die legendäre Athleten- und Schauspielerschmiede Gym Jones ihre Tore öffneten, hatte der damalige Gründer Mark Twight ein einfaches Motto: The Mind is primary.

Mind, das Wort, das im Deutschen keine Bedeutung hat, war der primäre Teil der Philosophie von Gym Jones. Unser Geist, unsere Psyche und alle damit verbundenen Prozesse, spielen eine für viele Athleten unerwartet große Rolle. Und das meist, ohne es zu wissen.

Die Prozesse, die unser Denken steuern, sind das Ergebnis von Jahrmillionen Evolution

Die verschiedenen, sehr komplexen Schaltkreise in unserem Gehirn haben sich bewährt. Bewährt, damit wir überleben. Nicht unbedingt, um einhundertprozentig akkurate Schlüsse zu ziehen. Wenn wir an ein Leben vor 10.000 Jahren denken, macht das auch Sinn.

Stand ein Vorzeitmensch vor einem Tiger, dann ging ihm vermutlich nicht folgendes durch den Kopf:

„Katzenartig, ca. 1,20 Risthöhe, Zahnlänge drei Zentimeter, spitze Ohren, gestreiftes Fell. Möglicherweise feindlich gesinnt. Im Auge behalten, um eine spätere Evaluation vorzunehmen.“

Nein, die richtige Antwort war eher: „Ducken, fliehen“ oder „Speer werfen, jetzt.“ Der Psychologe Daniel Kahnemann nannte diese beiden Optionen ganz simpel die Systeme 1 und 2 (1)(2).

  1. System 1: Ein Teil unseres Hirns ist für eine rationale Beurteilung zuständig, nimmt so viele Fakten wie möglich auf, verarbeitet diese und wir ziehen daraus einen Schluss.
  2. System 2: Das andere System ist für eine Bewertung zuständig, bei der Geschwindigkeit, statt Genauigkeit im Fokus steht. Wenn dieses System mit zu 60% die bessere Wahl trifft, ist es besser, als der Zufall und wird am Ende einen evolutionären Vorteil haben.

Dabei muss bedacht werden, dass diese Denkweise nicht beim Menschen anfing. Wenn wir einen Neunaugenwels sezieren und sein Gehirn untersuchen, dann finden wir Strukturen, die denen unseres Hirns stark ähneln. Neunaugen und Menschen haben Basalganglien - und ihre Funktion ist auch heute noch die gleiche. Der Mensch besitzt zusätzlich einen gigantischen Neocortex, der unter anderem dafür sorgt, dass ich diesen Text hier auf einem Computer schreiben kann. Vergleichen wir aber Funktionen zwischen den Spezies, dann finden wir immer wieder Überlappungen von Systemen, die es bereits vor dem Menschen gab oder sich gleichzeitig als nützlich erwiesen haben.

In grauer Vorzeit mussten unsere Ahnen bei Gefahr, z.B. einem Löwenangriff, schnell handeln und eine Entscheidung treffen. Das Credo lautete hierbei "Better safe than sorry". Lieber einen Fehlalarm mehr, als einen zu wenig, der dazu führte, dass einen das Zeitliche segnete. (Bildquelle: Fotolia / edan)

In grauer Vorzeit mussten unsere Ahnen bei Gefahr, z.B. einem Löwenangriff, schnell handeln und eine Entscheidung treffen. Das Credo lautete hierbei "Better safe than sorry". Lieber einen Fehlalarm mehr, als einen zu wenig, der dazu führte, dass einen das Zeitliche segnete. (Bildquelle: Fotolia / edan)

Gut, aber nicht perfekt

Doch diese Systeme führen auch zu Fehlern, denn wie bereits erwähnt, ist nur eines der Systeme wirklich auf Genauigkeit optimiert. Das andere wiederum auf Geschwindigkeit. Speziell in Situationen, in denen unsere Emotionen übernehmen oder unser Instinkt, neigen wir dazu, Entscheidungen auf Basis von Geschwindigkeit anstatt einer rationalen Überlegung, zu treffen.

Aber auch das rationale System ist nicht perfekt, denn es kann nur mit dem arbeiten, was man ihm vorlegt. Auf diese Weise kann unsere rationale Denkweise uns zu spektakulären Fehleinschätzungen führen. Wir nennen die Fähigkeit, unser Hirn unter der Prämisse der Imperfektion zu nutzen, kritisches Denken. Anstatt uns von den reinen Fähigkeiten des Hirns blenden zu lassen, nutzen wir ein logisches Konstrukt, mit dem wir eine Situation oder Frage analysieren. Und das ist enorm schwierig.

Nach mehr als zehn Jahren aktiven Trainings mache ich ebenfalls noch Fehler. Meist bemerke ich sie, was ein Vorteil des kritischen Denkens ist. Das heißt aber nicht, dass ich eben keine mache. Wer nicht weiß, wie das Hirn uns manchmal täuscht, der ist noch weit weniger gefeit.

Nun kann man sicherlich fragen, was das mit Training zu tun hat. Die Antwort ist: Alles!

Die Debatten, die sich im Fitnessstudio und Internet, zwischen Freunden und Feinden, zwischen Gleichgesinnten und Anhängern verschiedener Philosophien abspielen, sind fast ohne Ausnahme ein Schauspiel dieser Fehler. Daher möchte ich einige dieser Fehler im Detail darstellen, ihre Auswirkungen auf uns als Trainer und Athleten darstellen und dir als Leser ein wenig Futter zum kritischen Denken geben, auf dass du weniger kognitive Fehler machst. Die Liste dieser Fehler ist lang, dieser Artikel kann daher vor allem ein Anfang sein. (...)


Dieser Artikel erschien 04/2019 Ausgabe unseres MHRx Magazins

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Bildquelle Titelbild: Fotolia / zamuruev


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