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Underreporting in Wissenschaft & Praxis: Wieso die meisten Menschen fehlerhafte Angaben zur Kalorienzufuhr machen

Underreporting in Wissenschaft & Praxis: Wieso die meisten Menschen fehlerhafte Angaben zur Kalorienzufuhr machen

Völlig unabhängig davon, ob wir abnehmen (Fett verlieren), zunehmen (Muskeln aufbauen) oder einfach nur unser aktuelles Körpergewicht halten wollen: Die Kenntnis darüber, wie viele Kalorien wir tagsüber zu uns nehmen, spielt nicht nur eine entscheidende Rolle für ein erfolgreiches Gewichts- & Körperkompositions-Management, sondern auch für den Erkenntnisgewinn.

Wir führen Untersuchungen und Studien im Bereich der Ernährung durch, um herauszufinden, wie wir unseren Körper effektiver, nachhaltiger und gesünder verändern können. Sehr häufig greift man dabei auf Angaben der Studienteilnehmer zurück, in denen beispielsweise die tägliche Nahrungszufuhr dokumentiert wird, um daraus Rückschlüsse auf die tägliche Kalorienzufuhr zu ziehen und zu erklären, wieso sich das Gewicht und die Körperkomposition (Anteil der Mager- und Fettmasse) so entwickelt haben, wie man es beobachtet hat.

Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Selbstangabe der Nahrungs- und Kalorienzufuhr der meisten Menschen (und das schließt auch Probanden von Studien mit ein) sehr ungenau sein können, wobei die tägliche Energieaufnahme in der Regel unterschätzt wird (d.h. man führt mehr Kalorien über die Ernährung zu, als man glaubt) (12)(13)(14). Dieses Phänomen, also die Diskrepanz zwischen angegebener und tatsächlicher Nahrungs- und Kalorienangabe, wird in der ernährungswissenschaftlichen Literatur als „Underreporting“ bezeichnet und sie kann überaus problematisch sein, wenn es darum geht die Resultate von Studien und Untersuchungen korrekt zu interpretieren und praktische Empfehlungen auszusprechen.

Selbstangabe zur täglichen Energiezufuhr (Reported intake) Vs. tatsächliche Energiezufuhr (Reported intake + Unreported intake) über einen Zeitraum von 14 Tagen in 10 übergewichtigen, weiblichen Studienteilnehmern, die sich gemäß eigenen Angaben als „diätresistent“ bezeichnet haben. Die tatsächliche Energiezufuhr wurde im Schnitt um 47 ± 16% unterschätzt (und die körperliche Aktivität um 51 ± 75% überschätzt). (Bildquelle: Lichtman et al., 1992)

Selbstangabe zur täglichen Energiezufuhr (Reported intake) Vs. tatsächliche Energiezufuhr (Reported intake + Unreported intake) über einen Zeitraum von 14 Tagen in 10 übergewichtigen, weiblichen Studienteilnehmern, die sich gemäß eigenen Angaben als „diätresistent“ bezeichnet haben. Die tatsächliche Energiezufuhr wurde im Schnitt um 47 ± 16% unterschätzt (und die körperliche Aktivität um 51 ± 75% überschätzt). (Bildquelle: Lichtman et al., 1992)

Wenn es um korrektes Kalorien-Tracking geht, bist du vielleicht der Ansicht, dass du – als alter Hase, der sich schon jahrelang mit der Thematik befasst – von dieser Thematik nicht betroffen bist, weil du deine Ernährung gut im Griff hast. Hundertprozentig sicher kannst du dir jedoch nicht sein, denn wie eine Untersuchung ergeben hat, neigen selbst Ernährungsberater, die es ja eigentlich am besten können sollten (weil es ihr Job ist), dazu ihre tägliche Kalorienzufuhr zu unterschätzen (im Schnitt um 233 kcal/Tag Vs. 429 kcal/Tag bei Nicht-Ernährungsberatern) (8)(15).

Vergleich des Energieverbrauchs (EE), der für jedes Individuum aus doppelt markiertem Wasser ermittelt wurde, mit der angegebenen Energieaufnahme (EI) aus dem gewogenen Nahrungsprotokoll, dargestellt als Mittelwert der Differenz (EI-EE) mit Standardfehler der mittleren Differenz für die angegebene Energieaufnahme. (Bildquelle: Champagne et al., 2002)

Vergleich des Energieverbrauchs (EE), der für jedes Individuum aus doppelt markiertem Wasser ermittelt wurde, mit der angegebenen Energieaufnahme (EI) aus dem gewogenen Nahrungsprotokoll, dargestellt als Mittelwert der Differenz (EI-EE) mit Standardfehler der mittleren Differenz für die angegebene Energieaufnahme. (Bildquelle: Champagne et al., 2002)

Wenn wir uns jetzt vor Augen führen, dass ein typischer Ratschlag für eine erfolgreiche Gewichts- und Fettreduktion darin besteht, die tägliche Kalorienzufuhr um 500 kcal zu kürzen, um ein Kaloriendefizit zu erreichen, wird die Problematik vielleicht besser deutlich: Selbst wenn wir vom „Best-Case“-Szenario ausgehen (Ernährungsberater mit einer Underreporting-Rate von 233 kcal/Tag) würde das bedeuten, dass das rechnerische Kaloriendefizit um beinahe die Hälfte eingeschmolzen wird. Bei einer Underreporting-Rate von 429 kcal/Tag wäre das rechnerische Kaloriendefizit schon beinahe nicht mehr vorhanden (und eine Gewichtsreduktion würde sich nur sehr langsam einstellen). Du siehst, worauf ich hinaus möchte, oder?

Im nachfolgenden Beitrag werden wir uns ein wenig näher mit dem Phänomen des Underreportings auseinandersetzen. Du wirst mehr darüber erfahren, wie Ernährungswissenschaftler versuchen, das Problem zu lösen (damit wir zuverlässigere Daten erhalten), wie hoch die Unterschiede zwischen der angegebenen Energiezufuhr und der tatsächlichen Energiezufuhr liegen und welche Faktoren mit einem Underreporting der Kalorienzufuhr in Verbindung stehen. Schlussendlich geht es auch darum, wie wir unsere tägliche Nahrungsaufnahme besser quantifizieren und wie man mit Menschen umgehen sollte, die partout auf der Aussage beharren, dass sie trotz eines Kaloriendefizits nicht abnehmen können. (...)


Dieser Artikel erschien in der 04/2022 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: fotolia / Africa Studio


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