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Hochintensitätstraining für Bodybuilder: Blood and Guts Training nach Dorian Yates

Hochintensitätstraining für Bodybuilder: Blood and Guts nach Dorian Yates

Innerhalb des Bodybuildingkosmos gibt es keinen Namen, der Fans und Kritiker gleichermaßen aus der Reserve zu locken vermag, als Dorian Yates.

Um keinen anderen Weltklassebodybuilder ranken sich mehr Mythen und Legenden, als um den 1962 in England geborenen Champion, dessen Spitzname „The Shadow“ wohl kaum treffender hätte gewählt werden können.

Diejenigen unter euch, die meine bisherigen Artikel regelmäßig gelesen haben oder meine Bücher kennen, vermuten sicherlich bereits, wie ich diesen Text typischerweise aufbereiten werde. Für diejenigen Leser, die zum ersten Mal einen Artikel von mir lesen, sei gesagt, dass es mir stets wichtig ist, die Autorität und die Biografie des Schöpfers einer Trainingsmethodik zu beleuchten.

Wer ein zusammenhängendes, übergeordnetes Verständnis zu Trainingssystemen und Intensitätstechniken im Bodybuilding aufbauen möchte, der kommt nicht umher, den geschichtlichen Kontext und die damit verbundenen Denkschulen zu ergründen.

Warum war Dorian Yates so bedeutsam?

Werfen wir zunächst einmal einen Blick in die Vergangenheit, nämlich in das Jahr 1997. Ich war zu der Zeit 14 Jahre alt und seit einem knappen Jahr Mitglied in einem sehr familiären, inhabergeführten Fitnessstudio in unmittelbarer Nahe zum Sportinstitut der Universitätsstadt Tübingen.

Das Tübinger Sportinstitut verfügte Mitte der 90er über fast keinerlei Freihantel- und Maschinen-Equipment, was der Grund für viele Leistungssportler damals war, in besagtem Gym zu trainieren, welches über eine Top-Ausstattung verfügte. Neben Leistungsturnern, Ruderern und Leichtathleten, trainierten dort einige ambitionierte Amateurbodybuilder, unter ihnen mein drei Jahre älterer Trainingspartner, ein fanatischer Anhänger Dorian Yates‘.

1997, das Jahr in dem Yates seinen sechsten (und letzten) Mr. Olympiatitel in Folge gewann, wurde mir eine Kopie der 1996 erschienen VHS Edition von „Blood and Guts“ zugespielt und ich war schockiert. Zu dieser noch internetlosen Zeit, waren die einzigen Trainingsimpressionen, die man von Profi-Bodybuildern der IFBB kannte, nur die geschönten Hochglanzaufnahmen aus Flex, Muscle & Fitness oder der Sport Revue.

Härter hätte es uns alle, die sich für das Training der Profis interessierten, nicht treffen können. Wir wurden Zeuge, wie der massivste und erfolgreichste Bodybuilder seiner Zeit in einem modrigen Kellerverlies namens „Temple Gym“ mit menschenverachtender Intensität und überdimensionalen Gewichten trainierte. Keine Spur von Strandfeeling, Sonnenschein, gebräunten Körpern und lässigem Smalltalk, wie man es aus „Pumping Iron“ von Arnold und seiner Crew aus den 70ern kannte. Hier war nichts gestellt, nichts beschönigt.

Wer sich ein Exemplar der später nachproduzierten DVD (2011: 15th Anniversary Edition) sichern möchte, der darf weder die Kosten noch die Mühen für dieses meist vergriffene Stück Bodybuildinggeschichte scheuen. Alternativ finden sich auf gängigen Videoportalen stets Ausschnitte aus dem original VHS-Material von 1996.

Eine Dorian Yates Kurzbiografie

Dorian Yates wurde am 19.04.1962 in England geboren. Seine Eltern trennten sich und er wuchs in einem ländlichen Gebiet in Shaffordshire bei seiner Mutter auf.

Als er ein Teenager war zog seine Familie nach Birmingham. In seiner frühen Jugend schloss er sich einer Skinhead Gang an, wurde straffällig und zu einem sechsmonatigen Jugendarrest verurteilt. Die Zeit in der Arrestanstalt führte nach eigener Aussage dazu, dass er sich Gedanken über seine Zukunft machte und er entschloss sich, sein Leben zum Besseren zu wenden (1). Aufgrund seiner guten körperlichen Konstitution und überdurchschnittlichen Fitness entschloss er sich, eine Karriere als Profi-Bodybuilder anzustreben.

Im Jahre 1983 begann er mit dem Gewichtstraining. Schnell bemerkte er, dass er mit dem damals üblichen 3-Tage-Training/1-Tag-Pause-Rhythmus nicht arbeiten konnte. Seine Trainingsintensität war einfach zu hoch, um drei Tage hintereinander dieses Pensum zu bewältigen. Zunächst trainierte er nach einem Torso/Extremitäten-2er-Split und gönnte seinem Körper nach jedem Training einen Tag Pause. Als er bemerkte, dass auch dies zu viel wurde, beschloss er am Wochenende komplett zu pausieren, um für die nötige Regeneration zu sorgen.

Im Jahr 1985 nahm er das erst Mal an einem lokalen Wettbewerb teil, den er gewinnen konnte. Daraufhin wurde er vom britischen Verband zu den World Games eingeladen, bei denen er einen für ihn enttäuschenden 7. Platz belegte. Er bereitete sich ein weiteres Jahr vor und gewann 1986 die britische Schwergewichtsmeisterschaft und im holte im übernächsten Jahr den Gesamtsieg, wodurch er seine IFBB Pro-Card erhielt.

Daraufhin zog er sich für zwei weitere Jahre in das von ihm 1987 erworbene, bereits erwähnte, Temple Gym zurück, um sich akribisch auf sein Profi-Debüt vorzubereiten. Aufgrund der Tatsache, dass er sich fernab des Bodybuildingzentrums USA und nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit in England vorbereitete, um dann wie aus dem Nichts aufzutauchen, taufte ihn der britische Reporter Peter McGough „The Shadow“ (2)(3).

Für sein Profidebüt 1990 wählte er die „Night of the Champions“, die heutige „New York Pro“. Dort belegte er auf Anhieb den 2. Platz hinter Mohammed Benaziza. Im Nachhinein erklärte er, wäre er nicht in die Top-Five gekommen, hätte er seine Karriere als Bodybuilder beendet. Im Folgejahr kehrte er zurück und sicherte sich den Titel. Darüber hinaus trat er 1991 zum ersten Mal beim Mr. Olympia an. Dort belegte er zum letzten Mal in seiner Karriere nicht den 1. Platz, sondern wurde vom achtmaligen Champion Lee Haney auf den zweiten Platz verwiesen.Einige Konkurrenten, aber auch Bodybuilding-Fans und Funktionäre, beschuldigen Yates dafür verantwortlich zu sein, dass die Ästhetik und ausgewogenen Proportionen im modernen Bodybuilding verloren gegangen seien. Man sprach von nun an von der Ära der Masse-Monster.

Nach 1991 gewann Dorian Yates den Mr. Olympia 6 Mal in Folge - wobei er sich gegen eine harte Konkurrenz mit so klangvollen Namen, wie z.B. Lee Labrada, Kevin Levrone, Shawn Ray, Flex Wheeler, Nasser El Sonbaty, Chris Cormier und Vince Taylor, behaupten musste. Nach mehreren Verletzungen, u.a. ein Trizepsabriss, trat er nach seinem letzten Titelgewinn 1997 nicht mehr an und beendete seine Karriere.

Nach diesem doch relativ ausführlichen, biographischen Einstieg werden wir uns im Rahmen dieses Guides nun intensiv mit Yates‘ Blood and Guts Training auseinandersetzen.


Dieser Artikel erschien in der 05/2021 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: depositphotos / AY_PHOTO


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