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Kaugummi statt Glimmstängel: Nikotin zur Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit

Lutschtablette statt Glimmstängel: Nikotin zur Steigerung der anaeroben Leistungsfähigkeit

Der Einsatz von Stimulanzien ist weit verbreitet. Sie werden überall dort eingesetzt, wo eine Steigerung der mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit erwünscht ist – also auch im (Leistungs-)Sport. Um sich entsprechende Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen, sind viele Athleten und Sportorganisationen von Natur aus progressiv eingestellt. Damit leisten sie oftmals Pionierarbeit, was Innovationen im Bereich der Gesundheit und Ernährung betrifft.

Von den zahlreichen Stimulanzien, die es auf der Welt gibt, ist vermutlich keines so bekannt (und vor allem so beliebt), wie Koffein, welches wir in Getränken (wie z.B. Tee, Kaffee und Energy-Drinks) oder Supplementen (d.h. als Koffein-Tabletten oder in Pre-Workout Boostern) wiederfinden. Aufgrund seiner regen Verbreitung und den geringen (aber immer noch vorhanden) Nebenwirkungen gehört Koffein zu den sozial akzeptieren Stimulanzien, das durch die Bank weg in allen Sozialschichten konsumiert wird, um Körper und Geist zu beleben.

Demgegenüber steht Nikotin, welches als gesundheitsschädlich – und damit potenziell gefährlich - wahrgenommen wird, da wir es in der Regel mit dem Rauchen von Zigaretten assoziieren. Der Konsum von Zigaretten steht wiederum mit einer Vielzahl von Erkrankungen, darunter Krebs, Herzleiden und Diabetes, in Verbindung (10). Nikotin zählt damit zu den sozial weniger akzeptierten bis unterwünschten Stimulanzien, was Menschen (und Sportler) aber natürlich nicht davon abhält, sie trotzdem zu verwenden.

Nikotin-Gebrauch unter Sportlern: Weiter verbreitet, als gedacht

Im Gegenteil sogar: Der Einsatz von Nikotin ist unter Sportlern weit verbreitet. Marclay et al. (2011) wiesen in ihrer Untersuchung beispielsweise nach, dass etwa 23% aller Proben, die im Rahmen von Anti-Doping-Maßnahmen im Jahre 2011 gesammelt wurden, Nikotin bzw. dessen Metabolite enthalten waren (11). Diese Zahl liegt zwar unter der globalen Rate der Raucher (~25%), doch sie fällt in jedem Fall höher aus, als man es gemeinhin bei Sportlern annehmen würde. Die Prävalenz von Nikotin (Urin-Proben) lag in manchen Sportarten (American Football) sogar bei bis zu 55,6% (11).

Kumulative Exposition gegenüber Nikotin, Nikotin-Metaboliten und Tabak-Alkaloiden in Dopingurinproben ausgewählter Sportarten. (Bildquelle: Marclay et al., 2011)

Kumulative Exposition gegenüber Nikotin, Nikotin-Metaboliten und Tabak-Alkaloiden in Dopingurinproben ausgewählter Sportarten. Zum Vergrößern, bitte hier klicken. (Bildquelle: Marclay et al., 2011)

In ihrem aktuellen Review wiesen Mündel et al. (2017) einen erhöhten Gebrauch von rauchfreiem Tabak nach, der vor allem in Teamsportarten, wie z.B. Baseball (36%) und finnischen Elite-Sportlern (25%), auftrat (6).

Wie könnte Nikotin die Leistungsfähigkeit beeinflussen?

Inzwischen wurden in der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche potenziellen Mechanismen diskutiert, die für den ergogenen (= leistungsfördernden) Effekt des Nikotins verantwortlich sein könnten. Dazu gehören (6):

  • die psychostimulierende Wirkung durch Aktivierung der zentralen cholinergen Rezeptoren.
  • sowie die periphere sympathoadrenale Wirkung, insbesondere auf das Herz-Kreislauf-System (Herzfrequenz, Herzleistung und Blutdruck.

Nikotin ist dazu in der Lage die Durchblutung der Muskulatur durch eine kutane Gefäßverengung (Vasokonstriktion) zu erhöhen und die Konzentration von Metaboliten (freie Fettsäuren, Glukose, Glycerin und Laktat) bei gleichzeitiger Steigerung von Insulin und Glukagon zu erhöhen (14)(15). Diese Effekte können dem Körper dabei helfen den gesteigerten Bedarf an Sauerstoff und Energiesubstraten für die Muskulatur besser zu decken (16).

Zudem könnte Nikotin im Zuge der Adrenalin-vermittelten Wirkung die Kontraktionskraft der Muskulatur steigern und die Ermüdung der schnell-zuckenden Muskelfasern hinauszögern (17) – all das sind Faktoren, die für kraftbasierte Sportarten, bei denen wiederholte körperliche Anstrengungen mit verkürzter Erholungszeit (Sprints, Kraftsport), von immenser Bedeutung sind (18).

Durchschnittliche (± SE) Plasmakonzentrationen von Noradrenalin (Norepinephrine) und Adrenalin (Epinephrine) in Verbindung mit Rauchen (●) und Placebo (○). Die Pfeile zeigen den Zeitraum des Rauchens bzw. Placebos an. (Bildquelle: Cryer et al., 1976)

Durchschnittliche (± SE) Plasmakonzentrationen von Noradrenalin (Norepinephrine) und Adrenalin (Epinephrine) in Verbindung mit Rauchen (●) und Placebo (○). Die Pfeile zeigen den Zeitraum des Rauchens bzw. Placebos an. (Bildquelle: Cryer et al., 1976)

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen:

  • Wir wissen, dass der Gebrauch von Nikotin unter Athleten - insbesondere Leistungssportlern - relativ weit verbreitet ist.
  • Und wir haben eine ungefähre Ahnung darüber, auf welchen Wegen das Stimulanz die körperliche Leistungsfähigkeit erhöhen könnte.

Trotz all dieser Erkenntnisse ist die Studienlage bezüglich der leistungssteigernden Wirkung einer Nikotin-Supplementation recht limitiert (19). Einige kontrollierte Studien zeigten einen Performance-Boost im Zuge der Nikotin-Nutzung (3)(20), während andere Untersuchungen zu keinem positiven Ergebnis gelangten (21)(22)(23).

Das Timing der Einnahme, die Dosierung und nicht zuletzt die gewählte Darreichungsform könnten wichtige Faktoren sein, welche die widersprüchlichen Resultate einschlägiger Nikotin-Studien erklären würden, weshalb zusätzliche, gut kontrollierte Untersuchungen vonnöten sind, um ein eindeutigeres Bild zu zeichnen.

Anzumerken ist auch, dass sich der Nutzen einer Nikotin-Einnahme auf die Performance von Sportart zu Sportart unterscheiden könnte. Und da wir uns hier primär auf das Kraftsport fokussieren, wäre es natürlich interessant, wenn wir uns näher mit Arbeiten befassen, in denen die Wirkung einer akuten Supplementation (z.B. in Form von Nikotin-Kaugummis) auf die anaerobe Performance hin untersucht wurde.

Eine solche Studie vor einer Weile im European Journal of Applied Physiology veröffentlicht. Wir werden uns diese Untersuchung also im Rahmen des Beitrags einmal zur Brust nehmen, die Ergebnisse besprechen und daraus hoffentlich ein paar hilfreiche Informationen für die Praxis abstrahieren. (...)


Dieser Artikel erschien in der 11/2021 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: depositphotos ; hurricanehank


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