Die Mikrobiota: Welchen Einfluss hat die Darmflora auf unsere Gesundheit? | Zwischen Hype & Wissenschaft

Darmbewohner: Wie die Darmflora unsere Gesundheit beeinflusst | Zwischen Hype & Wissenschaft
Von Christian Kirchhoff | Benötigte Lesezeit: 24 Minuten |

Unser Darm fasziniert über seine Mitbewohner, die es uns ermöglichen Fettsäuren, Vitamine oder z.B. Tryptophan-Metaboliten herzustellen. Uns fasziniert die Vorstellung, dass das, was wir essen, von Mikroorganismen in bioaktive Verbindungen umgewandelt werden kann, die unserer Gesundheit dienlich sind. Darmbewohner arbeiten für uns, beeinflussen unserer Gesundheit - und damit auch zahlreiche Vorgänge und Prozesse, die sich im Körper abspielen.

Unsere Ernährung sollte unsere Darm-WG gut versorgen, sonst kann es so mancher Barriere, die uns schützt, schlecht ergehen. Naturgemäß fragst du dich jetzt, welche bedeutsame Rolle deine Darmbakterien spielen können und wo die Grenze zwischen tatsächlicher Wirkung und Hype verläuft. Nun, es gibt gute Neuigkeiten, denn in diesem Beitrag werden wir versuchen, genau diese Fragen ausführlich zu beantworten:

Es geht folglich um körperliche und mentale Gesundheit, Übergewicht, Probiotika, Präbiotika, Essverhalten, Sättigung, Haut und ein paar grundlegende Basics der (gesunden) Ernährung.  Wir klären, was Begriffe wie Mikrobiota, Dysbiose und Mikrobiom bedeuten und erklären, wieso wir gerade erst anfangen vieles, was unseren Darm und die Darmbesiedlung betrifft, zu verstehen (und wieso diese Reise gerade erst begonnen hat).

Schlussendlich erfährst du als absoluter Kefir-Liebhaber auch, wieso du im Supermarkt stets darauf achten solltest, für welches Produkt du dich genau entscheidest.

Zur Bedeutung der Darmflora (und was passiert, wenn diese aus dem Gleichgewicht gerät)

Im Magen-Darm-Trakt, der für unsere Nährstoffaufnahme und Wasseraufnahme wichtig ist, finden wir nicht nur eine Schleimhaut, welche stolze 300 m² ausmacht und die uns vor Viren und schädlichen Mikroorganismen schützt, sondern vor allem auch eines der am dichtesten besiedelten Ökosysteme der Erde, welches nicht weniger als 1014 Bakterien beinhaltet.

Zur besseren Vorstellung: Das sind 10 Mal mehr Bakterien, als es menschliche Zellen im Körper gibt (1) – an dieser Stelle folgt sogleich das erste „Aber“, denn neuere Arbeiten lassen vermuten, dass diese Aussage nicht mehr so ganz zeitgemäß ist und das das tatsächliche Verhältnis eher 1:1 zu sein scheint (2).

Innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte lieferte uns die Evidenz ein genaueres Bild zur Bedeutung des Darms und seiner Bewohner, die einen maßgeblichen Einfluss auf Gesundheit und Krankheit (bzw. Krankheitsrisiken) haben können. Leider muss man an dieser Stelle auch einräumen, dass es einen großen Hype - und zahlreiche voreilige Schlüsse - bezüglich der Aufgabe und Funktion unserer Darmbewohner gibt.

Darmbakterien spielen eine wichtigte Rolle für unser Immunsystem - ein Ungleichgewicht in Bezug auf die Bakterienzusammensetzung, eine sogenannte „Dysbiose“, ist mit entzündlichen Prozessen und Infektionen verbunden (3). Der Darm ist also nicht nur für die Aufnahme und Verwertung der knapp 60 Tonnen an Nahrung zuständig, die du im Verlauf deines gesamten Lebens verzehrst, um an wertvolle Nährstoffe zu gelangen.

Die Hauptaufgaben der „kleinen Helfer“ bestehen unter anderem im Schutz gegenüber Krankheitserregern, der Modulation des Immunsystems sowie dem Erhalt einer gesunden Darmschleimhaut, welche eine natürliche Barriere zum Körperinneren bildet.

Die Darmschleimhaut verfügt über eine innere Schicht - die Epithelschicht – die durch Membranproteine (sogenannte „Tight-Junctions“ als Verbindungen, die Zellen miteinander verknüpfen) entsteht. Frei nach dem Motto „Nicht jeder darf hier einfach hinein“ bildet sie so eine klare Grenze zwischen der äußeren und inneren Umwelt.

Exkurs: Was ist eine Dysbiose?

Im Kontext einer Dysbiose geht es im Grunde genommen um eine veränderte Darmflora, die dazu beitragen kann, dass die Interaktion zwischen Darmbakterien und dem Körper gestört ist.

Der Begriff „Dysbiose“ geht zurück auf Élie Metchnikoff, der – so liest man es zumindest in zahlreichen Arbeiten – damit versuchte eine Veränderung von intestinalen Bakterien zu beschreiben. Aber das ist nicht ganz richtig, denn wer tiefer gräbt, stellt fest wird, dass Metchnikoff durchaus ein kluger Wissenschaftler gewesen ist (der sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde), jedoch das Wort Dysbiose niemals wirklich erwähnte (89).

Das Wort, wie wir es auffassen, erhielt seine Bedeutung vermutlich in Deutschland, was erklärt, wieso man den Begriff eher mit C. Arthur Scheunert verbindet, der schrieb: „Ich glaube, daß hier weitgehende Erkenntnisse zu erwarten sind und jener Dysbiose der Darmflora, wie ich sie bezeichnen möchte, dabei vielleicht eine entscheidende Rolle zugeschrieben werden muß“ (106).

Während der Begriff also nicht unbedingt neu war, nutzte Scheunert es in einem (richtigen) Kontext, der uns als wichtig erscheint. Folglich können wir uns schon einmal merken, dass es schon länger die Bestrebung gab, eine Dysbiose mit Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Neuere Arbeiten, wie z.B. die von Kumar Sing et al. (2019) gehen eindrücklich auf diesen Zusammenhang ein, allerdings wird von Seiten der Forscher betont, dass wir – aufgrund der Limitation der Studienlage – nicht genau sagen können, inwiefern eine Dysbiose auf direkte Art und Weise mit Erkrankungen verbunden ist oder ob es nicht doch eher eine Folge einer veränderten Ernährung und/oder weiteren Faktoren (Stress, Rauchen, Medikamente, etc.) (90).

Aktuell geht man beispielsweise davon aus, dass eine Dysbiose zu einem negativen Einfluss hinsichtlich der Darmdurchlässigkeit führt, was wiederum dazu beiträgt, dass Bakterienfragmente und urämische Toxine in den Körper gelangen können – was wiederum pro-entzündliche Effekte nach sich ziehen würde. Solche „Bakterienfragmente“, wie etwa Lipopolysaccharide (LPS) zählen zu den Endotoxinen, die mit Entzündungen in Verbindung gebracht werden (100).

Genaugenommen stammen diese Endotoxine von der äußeren Membran bestimmter Bakterien. Das enterische Nervensystem (Darm) nimmt diese Fragmente übrigens durch die Neuronen, die sich dort befinden, wahr, um Informationen an das Gehirn weiterzugeben. Aber viel interessanter ist, dass diese Endotoxine wahrscheinlich Immunzellen dahingehend stimulieren, proentzündliche Zytokine (hormonähnliche Botenstoffe) freizusetzen.

Diese Zytokine könnten das Gehirn erreichen und damit neurologische Auswirkungen haben.

Potenzielle Wege, auf denen eine Dysbiose entzündliche Prozesse und Erkrankungen fördern könnte, wobei die Ursache für eine solche Dysbiose eine Vielzahl an Ursachen haben kann (Alter, Genetik, Umweltfaktoren aus Ernährung und Medikation, usw.). Dies setzt weitere, folgenreiche Prozesse in Gang, die dazu beitragen, dass unerwünschte Substanzen durch die Darmwand in die Blutbahn gelangen und ihre negative Wirkung entfalten können.

Potenzielle Wege, auf denen eine Dysbiose entzündliche Prozesse und Erkrankungen fördern könnte, wobei die Ursache für eine solche Dysbiose eine Vielzahl an Ursachen haben kann (Alter, Genetik, Umweltfaktoren aus Ernährung und Medikation, usw.). Dies setzt weitere, folgenreiche Prozesse in Gang, die dazu beitragen, dass unerwünschte Substanzen durch die Darmwand in die Blutbahn gelangen und ihre negative Wirkung entfalten können. (Bildquelle: Kumar Singh et al., 2019)

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Dieser Artikel erscheint in Kürze in der 09/2019 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: depositphotos / animaxx3d


 

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