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Süchtig nach Essen: Wie uns das Konzept der „Esssucht“ dabei helfen kann Übergewicht & Fettleibigkeit besser zu verstehen

Süchtig nach Essen: Wie uns das Konzept der „Esssucht“ dabei helfen kann Übergewicht & Fettleibigkeit besser zu verstehen

Als lebende Organismen sind wir darauf angewiesen, dass wir unseren Energie-, Makro- und Mikronährstoffbedarf über unsere tägliche Ernährung decken, damit wir überleben.

Das Essen ist für viele von uns jedoch weitaus mehr, als die simple Befriedigung eines rein physiologischen Bedürfnisses – wir essen, weil wir Spaß daran haben. Wir essen, weil es uns schmeckt. Und weil es uns eine gute Gelegenheit gibt, um mit anderen Menschen zusammenkommen und dadurch unsere soziale (und ggf. auch berufliche) Beziehung zueinander bei einer leckeren Mahlzeit zu stärken und zu erneuern (14).

Etwas Gutes zu essen, ist zweifelsohne eine Win-Win Situation: Zum einen führen wir unserem Körper wertvolle Energie und essenzielle Nährstoffe zu, die er dringend benötigt, um unseren Stoffwechsel am Laufen zu halten sowie wichtige Reparatur- und Umbauarbeiten („Adaption“) durchzuführen. Zum anderen können wir uns an kulinarischen Gaumenfreuden und sozialer Interaktion erfreuen, die unser Wohlbefinden und unsere Zufriedenheit steigern.

In einer perfekten Welt würde sich jeder Mensch bedarfsgerecht ernähren, d.h. so viel essen, wie er im Tagesverlauf – oder langfristig eben auch Wochen- und Monatsvelauf) – verbraucht. Das Problem hierbei ist jedoch, dass wir nicht in einer solchen makellosen Welt leben. Die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte hat uns nämlich gezeigt, dass wir ein dickes Problem an der Backe haben, welches langsam (aber stetig) in den Fokus unserer Gesellschaft rückt: Eine zunehmende Epidemie des Übergewichts und der Fettleibigkeit (13).

Diese steigende Leibesfülle der westlichen Zivilisation ist im Wesentlichen das Resultat eine Veränderung unserer Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten (12)(13)(15) und der Umwelt, in der wir heutzutage leben (11), die zu einem Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und Energieverbrauch beiträgt. Wir essen also im Schnitt mehr, als wir wieder verbrauchen – was dazu führt, dass überschüssige Energie (Kalorien) vermehrt in Form von Körperfett für schlechte Zeiten eingelagert wird, die für die meisten von uns jedoch nie kommen werden, weil wir hierzulande in einer Überflussgesellschaft leben, in der eigentlich niemand hungrig zu Bett gehen muss.

In seinem Beitrag zur intuitiven Ernährung hat Christian Kirchhoff bereits dargelegt, warum sich viele Menschen nicht mehr blindlinks auf die Signale des Körpers verlassen können, wenn es darum geht Übergewicht zu vermeiden. Abseits der Tatsache, dass es heutzutage unglaublich schwer ist, sich nicht durch entsprechende Werbung, die einem zum Essen animieren soll, beeinflussen zu lassen, sehen wir uns auch mit einem veränderten Ernährungsangebot konfrontiert (industrielle Nahrung & Junk Food), welches vor allem durch eine hohe Kaloriendichte glänzt und so konzipiert ist, dass es uns schwerfällt mit dem Essen aufzuhören (17)(18).

Doch wie ist das eigentlich, wenn man ganz genau weiß, dass ein bestimmtes Verhalten auf Dauer nicht gesund für einen ist, man damit aber partout nicht aufhören kann…? Irgendwoher kennen wir das doch, oder?

  • Raucher greifen aus unzähligen Gründen zum Glimmstängel. Zigaretten enthalten jedoch auch Nikotin, von dem wir wissen, dass es süchtig machen kann (19).
  • Alkoholiker gehen soweit, dass sie ihre physiologischen Bedürfnisse vernachlässigen, nur um ihr Verlangen nach Bier, Schnaps & Co. zu stillen. Wir reden in diesem Zusammenhang von einer Alkoholsucht (20).
  • Menschen, die zu Kokain und Heroin greifen, wissen in der Regel, dass der Abusus dieser Subtanzen ihrer Gesundheit schadet und sie sogar das Leben kosten kann. Nichtdestotrotz fällt es ihnen schwer, die Sucht, die aus diesen Substanzen heraus resultiert, zu durchbrechen.

In einem solchen Kontext sprechen wir suchterzeugenden Drogen, die jedoch nicht zwangsweise pharmakologischer Natur sein müssen. Hier kommt einem vermutlich am ehesten so etwas wie die Spielsucht oder Kaufsicht in den Sinn. Kann man also bei Menschen, die große Mengen an Gewicht (Körperfett) zulegen, weil sie – nach eigenen Angaben nach – nicht aufhören können zu essen, von einer Esssucht sprechen?

Der Begriff der „Esssucht“ ist in der Wissenschaft umstritten und es gibt eine anhaltende Debatte darüber, inwiefern unsere (hochverarbeiteten) Lebensmittel als sucherzeugend eingestuft werden können, um die Epidemie des Übergewichts zu erklären (16).

Der vorgeschlagene Kreislauf der "Esssucht". Die initiale Anfälligkeit für den übermäßigen Konsum von stark verarbeiteten (schmackhaften) Lebensmitteln ist durch eine erhöhte Impulsivität und Belohnungssensibilität, sowie eine verringerte Fähigkeit zur Hemmungskontrolle gekennzeichnet. Infolge des übermäßigen Konsums kommt es zu Toleranz, Heißhunger und Entzugserscheinungen, sowie zu einer Reihe sozialer, emotionaler und verhaltensbezogener Schwierigkeiten, wie z.B. Gewichtsstigmatisierung und Schuld- und Schamgefühle. Bei wiederholtem Verzehr dieser Lebensmittel gewöhnen sich die Betroffenen wahrscheinlich an die hedonistischen Eigenschaften des Lebensmittels, was zu einem verminderten Genuss oder einer geringeren Vorliebe führt. Diese Veränderungen gehen auch mit einem verstärkten Verlangen nach dem Lebensmittel einher. Um diese Symptome zu lindern, versucht der Betroffene, sich selbst zu therapieren, indem er den Lebensmittelkonsum erhöht, was zu zwanghaftem Essverhalten oder Essanfällen führen kann, wodurch ein Kreislauf der Abhängigkeit entsteht. Es ist zu beachten, dass das Ausmaß, in dem jeder dieser Mechanismen zum Tragen kommt, von Person zu Person sehr unterschiedlich ist. Insbesondere kann die anfängliche Anfälligkeit für Sucht mit individuellen Unterschieden in der Belohnungsempfindlichkeit, der Impulsivität und der Hemmungskontrolle zusammenhängen. (Bildquelle: Adams et al., 2019)

Der vorgeschlagene Kreislauf der “Esssucht”. Die initiale Anfälligkeit für den übermäßigen Konsum von stark verarbeiteten (schmackhaften) Lebensmitteln ist durch eine erhöhte Impulsivität und Belohnungssensibilität, sowie eine verringerte Fähigkeit zur Hemmungskontrolle gekennzeichnet. Infolge des übermäßigen Konsums kommt es zu Toleranz, Heißhunger und Entzugserscheinungen, sowie zu einer Reihe sozialer, emotionaler und verhaltensbezogener Schwierigkeiten, wie z.B. Gewichtsstigmatisierung und Schuld- und Schamgefühle. Bei wiederholtem Verzehr dieser Lebensmittel gewöhnen sich die Betroffenen wahrscheinlich an die hedonistischen Eigenschaften des Lebensmittels, was zu einem verminderten Genuss oder einer geringeren Vorliebe führt. Diese Veränderungen gehen auch mit einem verstärkten Verlangen nach dem Lebensmittel einher. Um diese Symptome zu lindern, versucht der Betroffene, sich selbst zu therapieren, indem er den Lebensmittelkonsum erhöht, was zu zwanghaftem Essverhalten oder Essanfällen führen kann, wodurch ein Kreislauf der Abhängigkeit entsteht. Es ist zu beachten, dass das Ausmaß, in dem jeder dieser Mechanismen zum Tragen kommt, von Person zu Person sehr unterschiedlich ist. Insbesondere kann die anfängliche Anfälligkeit für Sucht mit individuellen Unterschieden in der Belohnungsempfindlichkeit, der Impulsivität und der Hemmungskontrolle zusammenhängen. (Bildquelle: Adams et al., 2019)

Entsprechende Kontroversen existieren bezüglich der Operationalisierung des Suchtkonzepts sowie der Rolle, die das Essen bei der Auslösung eines Suchtverhalten spielt und wie es dabei helfen könnte Betroffene zu unterstützen und eine positive Veränderung des Status Quo herbeizuführen.

Aus diesem Grund werden wir uns im weiteren Verlauf dieses Beitrags in die geführte Diskussion zum Konzept der „Esssucht“ einklinken und schauen, in welchen Punkten ein Konsens herrscht und welche Kontroversen bestehen. Letztendlich geht es natürlich auch darum zu klären, inwiefern uns das Konzept der „Esssucht“ dabei helfen kann die Epidemie des Übergewichts einzudämmen und zu behandeln.


Dieser Artikel erschien als Editorial-Beitrag in der August 2021 Ausgabe des MHRx Magazins. Registriere dich kostenlos oder logge dich mit deinem bestehenden Account ein, um diesen Artikel vollständig zu lesen!


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Bildquelle Titelbild: fotolia / kwanchaichaiudom


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