Kalorienaufnahmerate: Wie stark verarbeitete Lebensmittel die Kalorienzufuhr beeinflussen

Stark verarbeitete Lebensmittel und ihr Einfluss auf die Kalorienzufuhr
Von Damian Minichowski | Benötigte Lesezeit: 10 Minuten |

In den letzten Monaten haben wir uns vermehrt mit den Themen der Kalorienaufnahme (13), Hunger- und Appetitregulation (Protein Leverage Effekt) (14) sowie intuitiver (ad libitum) Ernährung (9)(10)(11)(12) auseinandergesetzt und dabei mehr über die Mechanismen gelernt, die dazu beitragen, dass wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr an Gewicht zugelegt haben.

In vielen dieser Beitrage spielte der Aspekt der Nährstoffdichte unserer Lebensmittel eine unterschwellige – aber durchaus prominente – Rolle. Genauer gesagt scheint es einen näheren Zusammenhang zwischen einer gesteigerten Kalorienzufuhr und der Qualität der Dinge zu geben, die wir auf tagtäglicher Basis zu uns nehmen.

Stark verarbeitete Lebensmittel erhöhen die Kalorienaufnahme

In diesem Kontext sorgte im vergangenen Jahr eine Publikation von Kevin Hall und seinem Team, für reichlich Furore (8). Bei dieser Untersuchung, einem kontrollierten, randomisierten und 4-wöchigen Experiment mit hoher Güte, an dem insgesamt 20 gewichtsstabile Männer (n=10) und Frauen (n=10) mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren und einem BMI von 27 kg/m² teilnahmen, fanden die Wissenschaftler heraus, dass der Verarbeitungsgrad der verzehrten Lebensmittel einen signifikanten Einfluss auf Gewicht und Körperkomposition hat.

Dieser Einfluss äußerte sich wie folgt: Während der 2-wöchigen „Ultra-Processed“-Phase, in denen die Ernährung der Studienteilnehmer zu großen Teilen aus stark verarbeiteten Produkten ernährten, führten diese im Schnitt 508 ± 106 kcal/Tag mehr zu, als in der 2-wöchigen Kontrollperiode, die aus unverarbeiteten Lebensmitteln bestand („Unprocessed“-Phase). Diese Mehrzufuhr an Kalorien setzte sich zu 280 ± 54 kcal/Tag aus Kohlenhydraten und zu 230 ± 53 kcal/Tag aus Fetten zusammen, während die Proteinzufuhr stabil geblieben ist (-2 ± 12 kcal/Tag).

Die nachfolgende Grafik illustriert das Resultat der Arbeit:

A.) Durchschnittliche Kalorienzufuhr pro Tag während der jeweiligen 14 Tage andauernden Phasen (blau = Ernährung mit stark verarbeiteten Lebensmitteln; rot = Ernährung mit unverarbeiteten Lebensmitteln). B.) Zusammensetzung der Ernährung während der beiden 14-tägigen Phasen (blau = Kohlenhydrate, grün = Fette, rot = Protein). (Bildquelle: Hall et al., 2019)

A.) Durchschnittliche Kalorienzufuhr pro Tag während der jeweiligen 14 Tage andauernden Phasen (blau = Ernährung mit stark verarbeiteten Lebensmitteln; rot = Ernährung mit unverarbeiteten Lebensmitteln). B.) Zusammensetzung der Ernährung während der beiden 14-tägigen Phasen (blau = Kohlenhydrate, grün = Fette, rot = Protein). (Bildquelle: Hall et al., 2019)

Der beobachtete Gewichtsanstieg der Teilnehmer während der „Ultra-Processed“-Phase (+0,9 ± 0,3 kg) war im höchsten Maße mit der gesteigerten Energiezufuhr korreliert. Der Wechsel, hin zu einer unverarbeiteten Lebensmittelauswahl, führte dazu, dass die Probanden ihr Ausgangsgewicht wieder erreichten.

Gewichtsveränderung während der jeweils 2 Wochen andauernden Phasen (A) und in Abhängigkeit der täglichen Kalorienaufnahme pro Tag (B). Veränderung der Fettmasse während der jeweils 2 Wochen andauernden Phasen (C). Veränderung der Körperzusammensetzung während der jeweiligen 2 Wochen andauernden Phasen (D). (Bildquelle: Hall et al., 2019)

Diese Untersuchung weist zahlreiche Stärken auf und das ist auch das, was sie so aufschlussreich macht:

  • Einerseits wurde die Ernährung während der beiden Phasen penibel kontrolliert und in Sachen Kalorien, Zucker-, Fett-, Ballaststoff- und Makronährstoffgehalt gematcht, was bedeutet, dass sie sich lediglich in der Art der Lebensmittel unterschied - es gab insgesamt 3 Mahlzeiten am Tag + Snacks und die Teilnehmer konnten so viel davon essen, bis sie satt waren (ad libitum). Es musste also nicht alles aufgegessen werden, was aufgetischt wurde.
  • Andererseits verbrachten die Studienteilnehmer die gesamte Zeit im Labor, was bedeutet, dass die Tagesabläufe identisch waren und keiner die Möglichkeit hatte, außerhalb des vorgesehenen Essensplans zu schummeln. Dies machte ebenfalls möglich eine genaue Bestimmung des täglichen Kalorienverbrauchs durchzuführen.
  • Um Probanden absolvierten ein regelmäßiges Training (3x 20 Minuten bei einer Intensität von 30-40% der individuell geschätzten Herzschlagreserve auf dem Fahrradergometer), um einen Aktivitätsgrad des realen Lebens zu simulieren, was zudem – so die Vermutung der Forscher – auch dazu beigetragen hat, dass die Glukosetoleranz und Insulinsensitivität der Teilnehmer auch während der „Ultra-Processed“-Phase gleich blieb.

Die Studie von Hall et al. (2018) hat uns gezeigt, dass Menschen unter ansonsten identischen Bedingungen mehr (Kalorien) essen, wenn die Ernährung aus stark verarbeiteten Produkten besteht und dass sie weniger essen, wenn überwiegend unverarbeitete Lebensmittel konsumiert werden. Sie konnte uns aber nicht verraten, wieso das der Fall ist.

Mechanismen, welche die Kalorienaufnahme beeinflussen könnten

Wenn du bisher aufgepasst hast, dann wirst du bereits einige potenzielle Mechanismen kennengelernt haben, die eine Mehraufnahme begünstigen könnten, darunter:

  • den Protein Leverage Effekt
  • die Natriumkonzentration
  • die Energiedichte
  • die Art der Darreichung (z.B. flüssig Vs. fest)
  • die Art der enthaltenen Ballaststoffe
  • die Magenverweildauer
  • die Essgeschwindigkeit
  • oder auch die Wirkung bestimmter Lebensmittel auf das Belohnungszentrum im Gehirn

Diese Liste ist gewiss nicht erschöpfend und in der Praxis ist es häufig so, dass wir es mit einem überaus komplexen Sachverhalt zu tun haben, was nahelegt, dass es vermutlich eine Kombination all dieser Faktoren ist, die darüber bestimmt, wie viel wir essen (wollen).

Im weiteren Verlauf werfen wir auf eine ergänzende - jüngst veröffentlichte - Untersuchung, die uns vielleicht dabei helfen kann, besser zu verstehen, was die Ursache für diese erhöhte Kalorienzufuhr sein könnte. (...)


Dieser Artikel erschien in der 02/2020 Ausgabe des Metal Health Rx Magazins.

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Bildquelle Titelbild: depositphotos / ArturVerkhovetskiy


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